Erzählung: 'Der See'

Reaktionen:  
Der See
Er war ganz schlank, traf sie, traf sie in der Kälte, und sie sah ihn schüchtern an. 'Gehen wir', sprach er, der Dünne, 'Lasse uns zum See gehen.'
'Zum See?', rief sie, 'Zum See.'
'Ja, zum See. Gehen wir. Bitte. Komme mit mir. Zum See.'
'Aber', rief sie, 'Ich? Und Sie?'
'Ich und du. Gehen wir, bitte, gehen wir.'
'Der See ist doch kalt, so unglaublich kalt.'
Er senkte den Blick, senkte ihn zu Boden, atmete ein. 'Gehen wir. Bitte.'
'Sie und ich? Ja? Sie und ich?', sie senkte ebenfalls den Blick, ganz kurz nur, schaute hoch. 'Wir. Sie und ich. Glauben Sie?'
'Du und ich. Sicherlich. Gehen wir, ja?'
Sie glaubte es nicht, glaubte ihm nicht. War er doch schlank und war er doch schön. 'Sie nicht. Sie nicht für mich.'
Er traf sie, traf sie in der Kälte, und sie wollte nicht!
Zornig erhob er die Stimme, die leichte, starke Stimme: 'Komme mit, komme mit mir. Du und ich.'
Sie schüttelte betrübt den Kopf. 'Ach, nein', weinte sie, 'Ach, nein. Sie gehen. Gehen Sie. Ach, nein, nein, ach.'
Er hatte schmale Augen, blondes, kurzes Haar. Sein schmaler Arm ergriff den ihren, ergriff ihn feste. 'Komme, ach, bitte, komme. Es ist so traurig hier, es ist so traurig ohne dich.'
Er hatte sie in der Kälte, hatte sie nachts getroffen. 'Komme. Bitte.'
Sie weinte bitterlich, weinte schrecklich. 'Gehen Sie, gehen Sie.'
'Marietta.'
Am See hatte er sie eines Nachts getroffen.
'Gehen Sie.'
'Ach, ach.'
Sie senkte den Blick, drehte sich um. 'Sie und ich. Niemals.'
Seine Hand ergriff ihre, vorsichtig. Sie hob nicht den Kopf, diesen schweren. 'Du und ich. Wir wissen es, du und ich, komme, komme!'
Sein Herz klopfte, er wartete, er wartete auf die Kälte. 'Ach, gehen Sie, ach. Sie gehen. Zum See. Der See, oh, der See, dieser kalte, schwere See.'
Sie sah zu seinem knochigen Kinn auf, zu seiner leichten, blassen Wange. Er weinte, weinte bitterlich, weinte schrecklich. 'Du und ich. Wir waren es, du und ich, du und ich. Nicht wahr, wir waren es?'
'Ja. Wir.'
Sie jammerte.
'Erschrecke ich dich? So bleich? Und so dünn wie ich bin?'
Sie nickte traurig. 'Sie erschrecken mich, Sie erschrecken mich so tief. Gehen Sie zurück, gehen Sie zurück zum See.'
'Komme mit, der See ist so kalt', schrie der Dünne ängstlich, 'Komme!'
Sie befühlte seine Haut, so kalt, so bleich. So nass und so trocken. 'Bleiben Sie da, ich komme, bleiben Sie. Bitte. Sie und ich.'
Sie drehte sich um, stürzte aus dem Haus. Er blieb zurück, rief ihr nach.
Sie lief zum See, sah in diese Kälte hinab.
Er schwamm da unten, er war da. War er doch irgendwo anders gestorben, vor so kurzer Zeit.
Sie sprang ins Wasser, das schnappende.
Er hatte sie einmal, in der Kälte getroffen.

Kommentare :

  1. Woooooooow *-* Solche ähnlichen Texte schreibe ich auch, aber viel kürzer und einfach nur mit Gefühlen, das was du schreibst ist aber sooooooo viiiel schöner *-*
    Mehr gibts nicht zu sagen (:

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    1. Oh, danke, danke!! :D Aber ob es soo viel schöner ist?

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