Erzählung: 'Das stolze, kräftige, gemeine Herz'

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Das stolze, kräftige, gemeine Herz
Ganz stolz stand er vor ihnen, groß und mächtig, ach so stolz. Doch war sein Inneres nicht länger hell, nicht länger kräftig. Leise schlug das Herz, das gebrochene, das verletzte. Wie sollte es sich wehren, wie sollte es all diesem Leid trotzen, es zerstören, da es verloren war, da es nicht weiterwusste.
Die Wurzeln, ach, er wusste es, er wusste, er musste die Wurzeln herausreißen, sie zerschneiden, sie zermalmen.
Gierige Finger hatte er, dieser Mann. Er wollte nur Frieden, wollte Gerechtigkeit. Nun stand er dort, stolz und mächtig. Die Gesichter emporgewandt, ihm ergeben. Er lachte, lachte über diese Abwegigkeit, lachte über diese Pein. Er lachte, doch lachte aus Traurigkeit.
Nun war es vorüber, nun hing er dort, an diesem seidenen Faden. Er hatte Unglück über andere gebracht, hatte ihnen Schmerzen zugefügt, hatte sie gefoltert.
Rache, ja, Rache hatte er wohl genommen, Rache an andere, Rache an die Falschen. Und er wollte es nicht sehen, jetzt, jetzt wollte er es nicht mehr sehen, all dieses Unglück, das wegen seines Mundes anderen, Unschuldigen, die Leben raubte.
Er sah ihre Gesichter, ihre Blicke, dachte nicht an ihre Ursache, dachte nicht, was man ihm angetan hatte, dachte nicht, der Kreislauf drehe und drehe sich.
Doch ein einziges Mal, da fing er den Blick eines dieser Menschen auf, sah in den Augen die gleiche Sturheit, die gleiche Stärke, anderen zu schaden. Und ihm wurde es bewusst, ihm wurde alles bewusst.
Dieser Mensch war wie er. Er würde anderen ebenso viele Schmerzen ertragen lassen, nur damit seine Wunden in Ruhe verheilen konnten.
Und dort oben, dort über allen anderen, weil er so stark war, weil er die Zerstörerkraft besaß, stürzte sein Herz, zersprang, barst. Nun lachte er nicht mehr, das Lachen erstarb, es zerfiel, genau wie er, dieser stolze Mann, dieser dumme, dumme Mann. Die Augen weiteten sich, in den Augen, ganz vorsichtig, waren Tränen, die ihn entwürdigen würden, die ihm die Macht rauben würden. Er hatte solche Angst, hatte solche Angst vor der Vergangenheit, die sich wiederholen könnte.
Er schloss die Augen, drehte sich weg, nein, stark war er wohl nicht. Sein Leben zerfiel, nun tauchten Bilder auf, alte Bilder, verstaubte. Sie gruben ihm im Herzen ein Loch, schlugen ihn.
Er konnte so stark sein, konnte es wirklich sein und im nächsten Augenblick war wieder alles Asche, war wieder aller Stolz verschwunden, war alle Hoffnung vergangen.
Hart wollte er es wieder heimzahlen, wollte Rache nehmen und zerstören, zerstören!
Anderen alles Glück nehmen, das ihm nie gewährt wurde, so wollte er es, so wollte er sich rächen.
Mutig war er nicht, feige, feige war das Wort. Kämpfen musste er wohl, gegen jeden, gegen die Welt, nun kämpfte er nicht gegen die, die ihm Qualen bereitet hatten und bereiteten, sondern wehrte sich gegen die Unschuldigen, bezwang sie mit den gleichen, mit den niederträchtigen Waffen der Gemeinen, der Feigen.
Er bemerkte es, verstand es nun. Ein ewiger Kreislauf. Er musste es ihnen sagen, er musste jetzt die wahre Stärke zeigen: Sich wehren, anderen nicht all dieses Leid senden.
Er sprach, ganz laut sprach er. Beinahe brüllte er, brüllte sie alle an. Nein, sagte er, nein, es ist ungerecht, ach, was habt ihr getan, was tat ich? Gemein ist es, gemein ist wohl auf dieser Welt alles, gemein, gemein. - Nein, schrie er dann, nein! Dass ihr aufhört, dass ihr sie nicht mehr zerstört, ihr Herz heil bleiben lasst! Genau wie meines. 

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