Erzählung: 'Der Tote und der Glückliche'

Reaktionen:  
Der Tote und der Glückliche
Es war einmal Krieg. Ein Toter beklagte sich. Wie ein Kind stampfte er mit den Füßen auf, fluchte, dass das Kanonendonnern gar nicht zu hören war. Der Tote sprach und sprach, beschimpfte all das Unglück. Da kam ein Glücklicher vorbei, der die zappelnde Leiche sah und fragte ihn, diesen Versehrten, na, was habe denn der Tote, ob er solche Schmerzen verspüre. - Und der Tote, erzürnt über den mangelnden Respekt, schrie auf: Was fiele dem Alten ein? Ob er nicht das Licht gesehen habe. Es tue so weh in den Augen! - Ach, ach, sprach der Glückliche und lachte, ach, das Licht habe er gesehen, aber sei glücklicherweise zurückgekommen. Und nein, der Tote brauche sich nicht zu sorgen, sich nicht zu grämen, dass er tot sei. 'Nicht grämen?', brüllte er, der von der Erde Verschwundene, 'Nicht grämen? Tot, tot!' - Ob er nicht mit dem Tode zufrieden sein solle, erwiderte der Glückliche. Die Welt, meinte er, sei manchmal zu dunkel, dunkler wäre der Tod wohl nicht. - Gekämpft, gekämpft habe ich, jawoll, gekämpft. Und der Tod ist schlimmer, schlimmer, schlimmer! Ob er, dieser Glückliche, nicht Schmerzen gehabt habe, ob er nicht die Verzweiflung gespürt habe? 'Ach, nein, zu viel habe ich nicht gespürt', meinte er, nein, gespürt habe er kaum, nur das Licht habe gebrannt. Man meine immer, die Kälte täte weh, oh, alle dächten, der Tod, er sei leicht. Aber, ja, der Tod ist leicht, sprach er, der Lebende neben der zuckenden Leiche, der Tod ist immer leicht, geht schnell vorbei. - Und der Tote rief, schrie: Ach, du weißt es nicht, weißt nichts. Der Tod ist schwer, der Tod tut weh! Oh, oh, wie schrecklich es ist, dieses Dahinscheiden, dem Leben entführt zu werden... Was weiß er, der Glückliche, der Lebende? Nichts, nichts. Hatte er doch nie gespürt, wie man stirbt, wie man wirklich stirbt. Er, er sei ja zurückgekommen, versetzte der Tote, er habe überlebt, habe das Licht gesehen, habe aber überlebt. 'Ist er gram, der tote Herr?', sprach der Glückliche, ' Ich tat ihm doch nichts, ich redete doch nur über den Tod, und dass er nicht schlimm sei.' Schlimm, bemerkte er, sei sterben sicherlich nicht, schlimm, das Leben ist schlimm, hier in den Gräben. Hast das Licht gesehen, Mann, flüsterte der Tote ungläubig, hast das Licht gesehen und verleugnest es! Du verleugnest die Schmerzen. Ach, ach, welch Leid. Der Tote schüttelte den Kopf. Leben wollte er, wie der Glückliche. Leben und leben. Bis er stürbe. Leben und leben. Der Glückliche schüttelte ebenfalls den Kopf, schüttelte ihn heftig. 'Ich will es auch nicht mehr, das Leben, Toter, hole mich mit. Gehen wir gemeinsam.' Ob er, der Lebende, denn nicht glücklich über sein Leben sei. Er habe doch erzählt, er sei glücklicherweise zurückgekommen. - Sterben, nein, will ich wohl nicht, das Leben ist schon schön, doch das Leben ist schrecklich, genau so schrecklich wie der Tod. Und einfach sterben, rief er, kann ich doch nicht, kann niemand. Aber froh bin ich, doch, froh. Denn vielleicht ist das Leben doch schöner als der Tod, aber, Toter, was sagst du? Und der Tote schloss die Augen, schloss sie nun endgültig.

Keine Kommentare :

Kommentar veröffentlichen

Ich würde mich über Kommentare jeglicher Art freuen! Denn sind es doch die Kommentare, die den Blog beleben...