Erzählung: 'Kleine Geschichte vom Aufbruch und der Sehnsucht'

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Kleine Geschichte vom Aufbruch und der Sehnsucht
Ein kurzer Blick in ihr Gesicht, er weiß es, sie weiß es. Ein Blick in ihre Gesichter, sie wissen es alle. Er beißt die Zähne zusammen, beißt sich auf die Lippen, es blutet, blutet rot und stark. Es brennt. Wie sein Inneres, es brennt wie Feuer, Feuer, das sich durch den Körper frisst, die dunkle Wut hervorholt. Sie wissen es, wissen alles, wissen, dass er gehen wird. Sie kneift die Augen zusammen, öffnet und schließt sie. 'Bitte.'
Er schüttelt den Kopf. 'Sie wissen es.'
'Ja. Das tun sie wohl.' Sie schämt sich, er sieht es, sieht es überdeutlich in ihren flehenden Augen. Leise, sie sagt es nicht, doch da ist die Bitte, schüchtern beinahe liegt es ihr auf der Zunge, verlangt, ausgesprochen zu werden. Doch überwinden kann sie sich nicht, denn, ach weh, wie schrecklich gequält er aussieht, wie schrecklich traurig und zornig. Sie möchte sie ihm nehmen, die Schmerzen. Er lässt sie nicht, lässt sie nie und niemals.
Er versteht sie nicht. Was will sie? Er muss, muss. Keine andere Wahl hat er, man hat sie ihm nie gegeben.
'Gehst du, gehst du wirklich?'
'Ja.' Ein Wort, gemurmelt, fast lautlos huscht es ihm über die Lippen, füllt sein Herz plötzlich, füllt es mit Freude und Begeisterung. 'Ja. Ich gehe. Ich tu's. Entschieden habe ich es vor Jahren. Es ist so weit. Ich sage dir, es ist so weit.'
Und sie beginnt zu schreien, nein, er dürfe es nicht, dürfe nicht gehen, dürfe ihr Herz nicht brechen. Er lacht, lacht sie aus. Sie denkt es, denkt, er habe nur gespielt, er lache sie in diesem Moment aus. Doch irrt sie sich, er sieht ihre Verletztheit und lacht noch schallender.
Wir Menschen, denkt er, wir Menschen sind doch eigenartige Geschöpfe.
Sie weiß nicht, weswegen er lacht, weswegen er so fröhlich ist. Er geht doch, geht, geht, geht!
Das Funkeln in seinen Augen erlischt, wie eine Flamme, die man auspustet, Schatten sind dort, Sorgen hat er. 'Ja, ich gehe, ich komme heim.'
Sie glaubt ihm nicht, wird es niemals. 'Du lügst. Eine Lüge, es sind so viele Lügen.'
'Ich komme. Ich komme zurück. Zu dir, zu euch. Denn, ach weh, mein Herz sehnt sich nach der Ferne, doch ist es bei euch zu Hause.'
'Du kommst nicht heim. Lüge nicht.'
Und er küsst ihre Lippen, lächelnd. 'Ich komme. Immer wieder. Ich komme immer zurück, das weißt du, wirst es niemals vergessen. Stimmt es nicht?'
Doch, sagt sie, doch, doch, es stimmt, du lügst nicht, lügst nie, du kommst, du lässt uns nicht alleine.
Und er umarmt sie, flüstert: Ich gehe, muss. Ich werde lachen, wenn ich wieder da bin. Und, ruft er, ihr seht mich wieder!
Jetzt glauben sie ihm, schütteln ihm die Hand. Sie sehen sein Glück, sehen ihres. Sie sehen, wie sie ihn ansieht, wie sie ihm vertraut. Nun müssen sie es tun. Er wird bald zurück sein. Er versprach es.
Fernes Land, Abenteuer, schreit er, Freiheit. Freiheit, ach, wie sehr ich dich liebe!
Und so küsst er sie, dreht sich um, winkt, winkt, bis sein Arm schmerzt. Hoffnungsvoll und heiter sieht er ein letztes Mal in diesen Himmel, denn es wird kein nächstes Mal geben.

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