Rezension: Ich wünschte, ich könnte dich hassen/Christopher, Lucy

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ICH WÜNSCHTE, ICH KÖNNTE DICH HASSEN
CHRISTOPHER, Lucy

 Buchzusammenfassung

 In einem Flughafen wird Gemma von Ty entführt, in die rote Wüste Australiens verschleppt, wo sie lange Wochen, lange Tage mit ihm alleine verbringen muss. Voller Misstrauen, voller Angst durchlebt sie eine Zeit des Grauens, der Hoffnungslosigkeit, denn um sie herum ist nichts, nichts, und diese Einsamkeit! Doch während dieser Zeit zeigt ihr Ty Australiens wilde, schöne Seite, und Gemma verliebt sich in die Landschaft, in Ty.


Umschlag des Buches

 Sehr dunkel ist er, der Umschlag, was direkt dem Leser eine bedrückende Stimmung aufbürdet. Wurde er, der Leser, gewarnt. Das männliche Gesicht soll wohl Ty darstellen, was durch die sehr blauen Augen deutlich wird. Das Rot des Schriftzugs sticht deutlich hervor, ein Kontrast. Außerdem hat das Erdrot wahrscheinlich einen Bezug zu dem roten Lehmsand in Australien, was dem Cover einige Originalitätspunkte einbringt.

Der Schreibstil

 Es wird hautnah beschrieben, konnte ich Gemmas Gefühlsleben sehr gut nachvollziehen. Christophers Begeisterung für die Landschaft Australiens griff auch zum Teil auf mich über, sodass ich doch gespannt bin, wie es sich in diesem weit entfernten Land leben lässt. Der Schreibstil strotzt nicht nur voller Dramatik, sondern bringt das ganze Verkehrte gefühlvoll, doch nicht übertrieben herüber, sondern trifft genau den Ton des Verständnisses gegenüber der verwirrenden Gefühle bei einer Entführung. Obwohl der Schreibstil einfache Wörter beinhaltet, durch einfache Wörter sich auszudrücken weiß, kommt dann doch der eigene Stil sehr gut hervor. So ist er nicht anspruchsvoll, aber abwechslungsreich.

Der Inhalt

 Man könnte meinen, es passiere in diesem Roman nicht viel, doch ist dies verkehrt. Es wird viel Abwechslungsreiches beschrieben, ohne die Monotonie zu verlieren, die typisch bei einer Entführung sein müsste (ganz genau weiß ich das nun auch wieder nicht, schließlich wurde ich nie verschleppt). Unbedingte Spannung wird natürlich nicht geboten, doch ein gewisses Maß an Unterhaltung, ohne dass das Geschehen abwegig aufgefasst werden könnte.
    
 Es wird hautnah erzählt, durch die ungewöhnliche Erzählperspektive (Ty wird geduzt, für ihn ist der Leser die direkte Ansprechperson) kann der Leser leichter in die Geschichte einfinden. Persönlich fand ich es eine sehr wunderschöne, bildhafte Perspektive, die mir das Einfinden in die Gefühlswelt, in all dem Geschehen vereinfachte.

Ob Gemmas Liebe zu Ty nun dem Stockholm-Syndrom zuzuschreiben ist, bezweifle ich, so denke ich gespalten über dieses Syndrom, denn wie kann ein ahnungsloser Mensch über einen anderen urteilen, dass dieser unter diesem Syndrom leidet, wenn er selbst nicht diese Gefühle empfindet? In manchen Fällen könnte durchaus dieses Syndrom vorhanden sein, doch aus Gemmas Perspektive erscheint mir ihre Liebe erklärt, wirklich. So kennt sie die Person hinter dem Entführer, lernt ihn kennen. Und liebt man nicht gewöhnlich die Menschen, die bekannt sind, nicht fremd? 

 Ab einer bestimmten Stelle im Buch scheint jedoch Gemmas Vertrauen jäh ganz da zu sein. Es ist nun etwas schnell, nein, besser gesagt, plötzlich da, doch trotz allem hat es sich langsam, zäh entwickelt.


Die Charaktere

 Gemma ist sehr wirklich, sehr real. Ich hätte wahrscheinlich genau wie sie reagiert, ängstlich, misstrauisch. Aber genau wie sie hätte ich Mitleid gegenüber Ty empfunden, hätte langsames Vertrauen entwickelt. Gut konnte ich mich mit ihr identifizieren, kein einziges Mal empfand ich sie als erzwungen, als nervig, als dümmlich. Durch die oben erwähnte Erzählperspektive verdoppelte sich für mich das Nachempfinden jeglicher Emotion, wurde alles logisch dargestellt.

 Tys Persönlichkeit bringt den Leser zum Verzweiflen, so weiß man nicht, ob er wirklich geisteskrank ist oder einfach ein Mensch, der es nicht besser weiß, der nie richtig gelernt hat, was falsch, was illegal ist. Mein ganzes Mitgefühl bekam er, meine ganze Zuneigung verdiente er mit seiner selbstlosen Tat. Realistisch wie ein Mensch, nicht bloß schwarz und weiß, sondern bunt und grau. Natürlich kennt der Leser die Gesetze, weiß, dass eine Entführung Unrecht ist, doch genau so gut versteht man Ty auch, denn dieser wollte beschützen, ein Leben für Gemma aufbauen. Macht er falsche Entscheidungen, sieht diese vielleicht nicht ein, doch trotzdem verdient er die Zuneigung, das Vertrauen der Leser.
Manchmal, ebenso wie Gemma, hasste ich ihn. Hatte er ihr Leben gestohlen, ihr aber nur helfen wollen. Und genau das macht ihn zu einem interessanten Charakter, der ganze Tiefe aufweist, mir Rätsel aufgab und -gibt.

Das Ende

 Das Ende erscheint ein wenig konstruiert, aber strotzt voller Dramatik, die mir besonders gut gefallen hat. So wird viel Gefühl benutzt, der Leser zweifelt ebenso wie Gemma an ihren Gefühlen, doch kann diese trotz allem nachempfinden. So wechseln sich Hass und Liebe ab, doch weiß man wirklich, ob es Liebe ist und nicht nur das Stockholm-Syndrom?

 Ich persönlich würde in Gemmas Fall von wirklicher Liebe sprechen, denn in all dem verwirrenden Chaos erscheint es mir nur als logisch, dass sie Tys Gefühle erwidert. So war er doch auch behutsam, half ihr. Und kein böser Mensch.  

 Der Satz der Endgültigkeit:

  'Das war's', murmeltest du.

Seite 323, Zeile 17;
'Ich wünschte, ich könnte dich hassen';
Lucy Christopher;
Chicken House
  
Hier der Link zu der Verlagsseite.

Fazit

Ein sehr ergreifender, tiefsinniger Roman, der die Gefühlswelt eines Entführungsopfers, welches vermeintlich unter dem Stockholm-Syndrom leidet, entarnt, Fragen aufwirft, die Richtigkeit der Medizin anzweifelt.  Der Roman fällt durch seine Erzählperspektive auf. Des Schriftstellers Begeisterung für Australiens Wüstenlandschaft griff teilweise auf mich über, übte große Faszination aus. 
Ein Roman, der sich in mein Herz geschlichen hat, mich beinahe zum Weinen in der Öffentlichkeit gebracht hätte. 

5/5

(nach Gefühl und Verstand vergebene Punktzahl)

Titel: Ich wünschte, ich könnte dich hassen
Autor(in): Lucy Christopher
Verlag: Chicken House (Carlsen Verlagshaus)                Preis: circa 9Euro

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