Rezension: Emily Murdoch / Wenn ihr uns findet

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Rezension:
ICH FÜRCHTE MICH NICHT
MURDOCH, EMILY

 (Quelle)

Buchzusammenfassung

 Clarey und ihre sechsjährige Schwester Jenessa leben in einem Wohnwagen in einem Naturschutzgebiet, seit Jahren versteckt von ihrer Mutter. Eines Tages findet man sie. Clareys Vater nimmt sie zu sich nach Hause. Es scheint ein glückliches Ende für die zwei zu geben, denn nun erfahren sie den Komfort einer Familie und eines richtigen Zuhauses, doch in Clarey wütet es. Sie vermisst den Wald und seine Einsamkeit. Und die zahlreichen schlechten Erfahrungen, die sie gemacht haben, lassen sie nicht los. Wird sie es dennoch schaffen, sich an die ihr unbekannte Welt anzupassen und glücklich zu werden?




Der Umschlag des Buches

Das ernste Gesicht des Mädchens und der hinter ihr gelegene Wald passen zum Roman. Die dunklen Farben ergänzen den Eindruck einer düsteren, traurigen Geschichte. 


Der Schreibstil

Ein Schreibstil, der sich flüssig lesen lässt. Er spiegelt Clareys Gefühlswelt perfeckt wider, berührt mit kindlichen Umschreibungen, die das schwierig zu Bewältigende in weiche Formen verpackt, dass die Grausamkeit umso deutlicher hervortritt. Der Schreibstil ist an Clareys Alter angepasst und versteckt doch nicht ihre Ernsthaftigkeit.
Die Liebe zum Wald ist poetisch geschildert, ohne direkt aufzufallen.

Der Inhalt

Der Roman wurde aus Clareys Sicht geschrieben (Ich- Erzählform) und man taucht direkt in die Geschichte ein, man erfährt, wie Clarey und Jenessa aus ihrem Waldalltag in unsere hektische Welt gerissen werden. Die neuen Erfahrungen, die sie machen, der Komfort und Luxus, den sie plötzlich erfahren, bringen vor allem Carey aus dem Lot, die sich entzweigerissen fühlt und ihre Identität sucht. Gehört sie nun eher in den Wald oder in die neue Familie? Eine Familie, die ihr so viel Liebe gibt, wie sie es nie von ihrer Mutter erfahren hat.

Die Komplexität des Romans besteht aus den vielen Fragen, die sich Carey stellt, dem Entdecken einer unbekannten und einschüchternden Welt und dem Wissen, dies alles nicht zu kennen und deswegen verurteilt zu werden.

Schonungslos erzählt der Roman von einer verlorenen Kindheit, einer Verzweiflungstat, die die zwei Schwestern bis heute verfolgt und der Liebe, die sie beide verbindet. Besonders diese Geschwisterliebe wird ausführlich dargestellt und thematisiert. 

Dass etwas Traumatisches im Wald passiert ist, lässt sich leicht erraten, vor allem durch die Rückblenden. Obwohl die Auflösung erst am Schluss erfolgt, so durchzieht es das ganze Buch. Diese Auflösung lässt Clareys und Jenessas Handlungen vollkommen einleuchtend erscheinen.  

Ich hatte eine schwierige Geschichte erwartet, doch keine Geschichte, die so brutal sein würde. Es fließt kein unnötiges Blut, es gibt kein Abschlachten. Die Brutalität dieses Romans liegt in der Weise, in der die Kinder aufgewachsen sind, was ihre Mutter ihnen gestohlen und angetan hat und die Hartnäckigkeit, mit der Clarey immer noch an ihre Mutter hängt.

Es gibt leider zu viele Stereotypen und Klischees, die ihren Platz in der Geschichte finden. Dadurch kann die Seriosität des Romans nicht vollends aufblühen.

Die Charaktere

Es wird viel Wert auf Careys und Jenessas Charaktere gelegt, ihre Tiefe macht das Buch spannend und komplex.

Clarey ist ein Mädchen, das früh viel Verantwortung für seine jüngere Schwester tragen musste und dadurch sehr reif für ihr Alter ist. Die schwesterliche, bedingungslose Liebe wird vollkommen klar, als man von ihrer Opferbereitschaft erfährt. Während Jenessa dafür ein anderes Opfer bringt. Ihre Bindung angesichts ihrer Einsamkeit in den Wäldern überrascht nicht, sondern bezaubert und schenkt Hoffnung.

Melissa (Clareys und Jenessas neue Stiefmutter) ist ein wenig zu herzensgut, zu freundlich. Sie scheint eine perfekte Person zu sein, ohne Makel, ohne Fehler. Sie ist einfach zu vollkommen, wodurch das Ideal, das die Autorin aufzeigt, der Geschichte ein wenig von der Glaubwürdigkeit nimmt.

Das Verhältnis zum Vater verbessert sich immer mehr, progressiv. Die anfänglichen Schwierigkeiten (durch Clareys Erfahrungen und ihr Misstrauen angesichts seiner Freundlichkeit) werden glaubhaft in eine wahre Vater-Tochter-Beziehung verwandelt. 

Die Stiefschwester Delaney konnte mein Gefallen nicht gewinnen, bis zum Ende hin blieb sie mir unsympathisch, selbst wenn ihre Wut auf Clarey verständlich ist und sie sich verbessert. 

Zitat

"Ich denk an diesen Mann, diesen Vater, verglichen mit der Version in meinem Kopf. Ich habe ihn dafür gehasst, dass er uns wehgetan hat, dass wir wegen ihm gehen mussten, dass wir ihm scheißegal waren. Aber vielleicht war es Mama, die uns wehgetan hat. Vielleicht hat sie alles durcheinandergebracht."

Heyne Verlag;
Emily Murdoch "Wenn ihr uns findet" (2014)
S. 95, Zeile 27-31.
Heyne Verlag
Fazit 

Ein schönes, berührendes Buch, welches die Zerrissenheit eines Mädchens thematisiert, das nichts anderes als einen Wald als Zuhause kennt und plötzlich in der "zivilisierten" Welt seinen Platz finden muss.

 4,5/5

(nach Verstand und Gefühl vergebene Punktzahl)

 Titel: Wenn ihr uns findet
Autor(in): Emily Murdoch
Verlag: Heyne                                         Preis: circa 16 Euro

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